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Einmal Balken und zurück!

Der Abend dämmert, die Sonne verwandelt sich langsam in einen glutorangenen Ball, der allmählich in die rot getränkten Wiesen und Felder hinabsinkt. Es wird eine warme Sommernacht, eigentlich die Ideale Gelegenheit um mit den Liebsten ein Grillfest zu feiern oder gemeinsam im Park oder im Garten den Tag ausklingen zu lassen. Ich bin jedoch auf dem Weg nach Dortmund, dem alten Industriemoloch. Ich folge einer Einladung, die mir von den Schwarzen Balken unterbreitet wurde. Jenen schwarzen Balken, die seiner Zeit in Köln als Heinzelmännchen firmierten und nun in Dortmund ihr Hauptquartier bezogen haben.

Um 21:00 Uhr treffe ich im Hauptquartier ein, dessen Adresse ich leider nicht nennen darf. Das große, aus rotem Backstein bestehende Gebäude sieht völlig unscheinbar aus. Früher soll hier eine Schule untergebracht gewesen sein, erfahre ich später. Am Gebäude selbst findet sich nicht der geringste Hinweis darauf, dass es als Zentrale einer der größten Organisationen der Bundesrepublik dient. Im vollkommen leeren Empfangsfoyer werde ich schließlich von meinem Kontaktbalken freundlich empfangen. Seine Stimme hallt in der Weite des erstaunlich großen Foyers. Der Umstand, dass die Balken in so einem großen Gebäude so lange Zeit unerkannt bleiben konnten, ist einem geschickten Deal zu verdanken. Tagsüber dient das Gebäude in einigen Räumen als Heimat eines Fachbereichs der in der Stadt ansässigen Hochschule. Da ein Teil der vielen Räume für die Studenten nicht frei zugänglich ist, können sich die Balken und der Fachbereich das Gebäude de facto teilen, ohne sich dabei gegenseitig über den Weg zu laufen. Selbst in den Hochzeiten des Betriebs kommen sich die Beiden nicht in die Quere. Das Gebäude ist für mich in seinem inneren zunächst schwierig zu erschließen. Bald geraten wir jedoch in einen Bereich, in dem wuselndes Leben herrscht. Schwarze Balken, große, kleine, wohin mein Auge blickt. Teams werden eingeteilt, für die anstehende Schicht. Die Balken arbeiten nur nachts, aus Tradition.

Am Anfang sei es schon ungewohnt gewesen, nur nachts aktiv zu sein, sagt mir ein relativ junges Mitglied der Mannschaft. Aber bald habe er sich an den neuen Lebensrythmus gewöhnt. Ja, es sei in einigen Nächten schon hart, sich zu motivieren, ja, es sei schwierig einen Partnerbalken zu finden und zu halten, da die Teams jede Nacht neu zusammengestellt werden, aber wo ein Wille, da sei auch ein Weg. Der Balken ist Mitglied des Teams Südost I, dem auch ich zugeteilt wurde. Seine Schwärze absorbiert sämtliches auf ihn einfallendes Licht, seine Körperhaltung strahlt Entschlossenheit und Zielstrebigkeit aus − und damit ist er keine Ausnahme. Um Punkt 22:00 Uhr schwärmen sämtliche Teams aus. Einige zu Fuß, andere mit dem Fahrrad, dem ÖPNV oder aber − wie mein Team − mit einem Bus. Das Team Südost I hat in dieser Nacht drei Termine, die mit anderen Verkehrsmitteln nur schwer in einer Nacht zu bewältigen wären.

22:30. Wir treffen beim ersten Kunden ein. Ein Kunde, der wie jeder andere nicht weiß, was nachts in seinen Geschäftsräumen passiert. Den Servicevertrag mit den damals noch unter der Firmierung Heinzelmännchen agierenden Balken habe der Ur-Ur-Urgroßvater des Kunden abgeschlossen, da bislang keine Kündigung ausgesprochen wurde, mache man mit seinen Leitungen wie gehabt weiter, sagt mein Sitznachbar. Kaum hat der Bus angehalten, springen die Balken aus dem Fahrzeug und laufen auf das Gebäude zu. Alles wirkt perfekt organisiert. Während ein Balken die nötigen Türen des Gebäudes aufschließt, holen die anderen das für die Arbeit benötigte Equipment aus dem Bus. Zwar hätten die meisten Kunden eigene Arbeitsgeräte im Haus. Dennoch hätten die Balken bald gemerkt, dass die meisten handelsüblichen Arbeitsgeräte den bei der von den Balken verrichteten Arbeit auf sie ausgeübten Belastungen kaum standhalten. Deswegen seien die meisten von den Balken verwendeten Werkzeuge aus eigener Produktion. Tatsächlich legen die Balken schon bei der ›Stürmung‹ des Gebäudes ein so rasantes Tempo vor, dass ich kaum hinterherkomme. Als ich schließlich das Büro erreiche, sind bereits alle am Werk. Ohne Koordination geht freilich auch hier nichts: Mit einem Megaphon ausgestattet, organisiert der sogenannte ›Einrichter‹ die Arbeit der anderen. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend, und das Gewusel um mich herum ist für mich kaum zu durchschauen. Außerdem habe ich permanent das Gefühl, im Weg zu stehen. In den einzelnen Büros sehe ich Balken, die Akten sortieren, Ordnung in den Regalen schaffen, Tische abwischen, Papierkörbe entleeren, Tastaturen entkrümeln und den Teppich absaugen. In der Küche klirrt und scheppert das Geschirr, der Kühlschrank wird gereinigt, die darin enthaltenen Lebensmittel auf ihre Haltbarkeit überprüft. »Natürlich kann es schon mal passieren, dass wir im Eifer des Gefechtes einen Quark oder einen Joghurt übersehen, der die Mindesthaltbarkeit überschritten hat. Wenn die Packung dann platzt und ihren Inhalt in das Gerät versprüht, ist das halt dumm gelaufen. Aber zum Glück sind das Einzelfälle« erzählt mir der Balken, der soeben mit einem gewaltigen Müllbeutel die Küche verlässt. In knapp einer Stunde ist aus einer Müllhalde ein ansehnlicher Bürokomplex geworden, und ehe ich mich versehe, sitze ich mit den Balken im Bus und wir fahren zum nächsten Termin.

Ein eher klassischer Kunde. Der hier zu verrichtende Service wurde schon im Kopisch-Gedicht beschrieben − ich darf den Balken zwei Stunden beim Kneten, Rühren, beim Formen von Broten und Brötchen und beim Backen derselben zusehen. Wie schon im Büro, legen die Balken ein äußerst zügiges Tempo beim Arbeiten vor − der über die Jahrhunderte angesammelte Erfahrungsschatz in diesem für die Balken klassischen Betätigungsfeld zahlt sich aus. »Wir sind schneller als jeder Bäckermeister − was das Back- und Konditorhandwerk angeht, kann uns niemand etwas vormachen«. Heinzelmännchen hin und her − die Balken sind stolz auf sich und ihre Geschichte.

Etwas anders der nächste Termin. Hier zeigt sich das neue Gesicht der Balken, ihr Wille zur Überarbeitung des eigenen Image, ihr Wunsch nach mehr Öffentlichkeit. Wir fahren in Richtung Dortmund Hörde, zu den Fernsehstudios. Es stehen Aufnahmen für die kommenden Ausgaben eines Boulevard-Magazins an. Die Balken schlüpfen in ihre neue Rolle als − schwarze Balken. Als Sichtschutz vor Genitalien oder die Augen von Personen, die unerkannt zu bleiben wünschen montiert, tauchen sie so im Nachmittagsprogramm fast jedes Privatsenders auf. Eine sehr subtile Art des Marketings und der Öffentlichkeitsarbeit. Zwar biete man auch diesen Service sowohl für Fernsehen als auch für Zeitschriften und Tageszeitungen schon Jahrzehnte an, jedoch habe man dessen Publikumswirksamkeit erst vor kurzem erkannt. Obwohl der Wille zur Veränderung und einer stärkeren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nach wie vor ungebrochen ist, sind die Aufnahmen für das Fernsehen − und übrigens auch für die Zeitung − bei den Balken höchst unbeliebt. »Vor jedem Fernsehtermin müssen wir uns abhungern, damit wir auch schön zweidimensional aussehen. Bei der Presse ist es im Prinzip genau das gleiche ... Es ist ein Wunder, das wir alle nicht schon längst Bulemiekrank sind!« klagen sie. Vor allem habe sich in den letzten Jahren verstärkt Konkurrenz eingestellt, hauptsächlich durch Verpixelung und Unschärfeblasen. Dennoch habe man seine Position in den Medien verteidigen und sogar ausbauen können. Die Balken dienen nicht mehr nur länger als Sichtschutz, sondern auch als dekoratives Element, unter anderem in hippen Designzeitschriften. Ganz ohne Kompromisse ging das leider nicht, für einige Magazine war es notwendig, die Farbe zu modifizieren − aber immerhin: man zeigt sich und wird gesehen. Letztlich sei der Schritt, über Lieschen endgültig an die Öffentlichkeit zu treten, nur eine logische Konsequenz gewesen.

Nach zwei Stunden haben die Balken auch diesen Termin absolviert − und sind noch immer kein bisschen erschöpft. Während ich Mühe habe, auf der Rückfahrt ins Hauptquartier noch die Augen offen zu halten, wird um mich herum munter geklönt. Für die Balken ist die Arbeit auch noch lange nicht vorbei: die Dienstpläne für die kommende Nacht müssen erstellt werden, die Balken müssen sich waschen und die Werkzeuge müssen gereinigt und gewartet werden. Damit sie in der nächsten Nacht wieder voll funktionsfähig sind.

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