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< Lieschen: Wir sind Balken, verdammt nochmal!
> Schwärmer: Trümmertraum

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Things that suck!

6:00 Uhr. Der Radiowecker tritt seinen Dienst an. Einen kurzen Augenblick sitze ich orientierungslos und nahezu aufrecht im Bett. War ich nicht vorhin noch irgendwo anders? Egal, es ist sechs Uhr. Kurz nach sechs. Sechs Uhr, vier Minuten und dreißig Sekunden, um genau zu sein. Aus dem Radio ertönt die Wettervorhersage. Das ist ungewöhnlich, denn das heißt, die Nachrichten sind schon vorbei. Das heißt, ich bin spät dran. Das heißt, ich bin aus dem Rythmus. Ich hasse es, aus dem Rythmus zu kommen. So sehr, dass ich meinte, es mir abgewöhnt zu haben. Normalerweise stehe ich um sechs Uhr auf. Während die Nachrichten verlesen werden, bringe ich die Kaffeemaschine in Gang, gieße mein Müsli auf und stecke zwei Scheiben Dreikornsonne-Brot in den Toaster. Anschließend betrete ich das Badezimmer. Ich gestehe mir zwanzig Minuten zu. Zwanzig Minuten, in denen die tägliche Morgentoilette absolviert sein muss. Zähneputzen, Rasieren, Duschen, Frisur herrichten. Nach diesen zwanzig Minuten ist der Kaffe fertig, das Toastbrot soweit abgekühlt, dass man es absolut gefahrlos aus dem Toaster entnehmen kann und das Müsli soweit durchgezogen, das es die perfekte Konsistenz, die irgendwo zwischen kernigem Biss und angenehmer Weichheit liegt, erreicht hat. In weiteren zwanzig Minuten habe ich mein Frühstück zu mir genommen und das verschmutze Geschirr abgewaschen. Ich mag es nicht, meine Wohnung verunreinigt zu verlassen. Nebenbei habe ich mir noch die aktuellen Schlagzeilen aus der Tageszeitung eingeprägt. Schließlich brauche ich aktuellen Gesprächsstoff fürs Büro. In weiteren zwanzig Minuten lege ich mir meine Tages-Garderobe zurecht, schlüpfe in Socken und Schuhe, kontrolliere den Inhalt meines Aktenkoffers. Wenn ich dann noch etwas Zeit habe, vertiefe ich mich in einen Artikel der Tageszeitung dessen Überschrift ich zuvor besonders interessant fand. Um sieben Uhr verlasse ich dann schließlich die Wohnung, um ins Büro zu fahren. Es ist perfekt durchdacht, ein in jahrelanger Routine eingeübter und feingeschliffener Ablauf.

Aber heute ist alles anders. Ich habe geträumt, wirres Zeug. Deswegen fehlen mir fünf Minuten. Fünf Minuten, die mich völlig aus dem Konzept bringen. Noch ganz in Gedanken, führt mich der Weg zuerst ins Badezimmer. Erst als ich unter der Dusche stehe und von oben bis unten eingeseift bin, fällt mir auf, dass ich vergessen habe, den Kaffeebereiter zu aktivieren, das Brot zu toasten und mein Müsli anzusetzen. Egal. Shit happens. Ich halte mich für eloquent genug, um diesen Lapsus auszumerzen. Deswegen führt mich der erste Weg aus dem Badezimmer zum Kaffeebereiter, dann zum Toaster und schließlich zur Müslidose. Soweit so gut. Aber was jetzt? Eine Lücke droht zu entstehen, ein ungenutzer Leerraum. Ein Effizienzvakuum. Ich blicke mich um und entdecke meine Rettung: den Kleiderschrank. Warum die Lücke nicht mit der Auswahl der Tagesgaderrobe füllen? Dieser Morgen ist sowiso schon ein einziges Chaos, also kann auch die Auswahl der Garderobe vorgezogen werden. Natürlich habe ich meine Kleidung bereits hinsichtlich möglicher Farbkombinationen sortiert. Die entscheidende Frage ist nun: Welche Farbstimmung spiegelt meine momentane Befindlichkeit am ehesten wieder? Das ist wahrhaft schwierig, denn so verwirrt wie heute morgen habe ich mich noch nie gefühlt. Entsprechend schwer fällt mir die Wahl der Kleidung. Ratlosigkeit macht sich breit, und als ich bereits befürchten muss, dass mir die Zeit hinfort rinnt, greife ich einfach in den Schrank und streife mir über, was zufällig in meine Hand fällt. Zeit für das Frühstück. In Gedanken noch bei der Kleidung und mittlerweile doch ziemlich nervös und verunsichert, belege ich mit zittrigen Händen die abgekühlten Toastbrotscheiben, die erste mit Wurst, die zweite mit Konfitüre, wie gewöhnlich. Am Tisch angekommen, nehme ich auf meinem Stuhl platz. Während ich die erste Scheibe Toast esse, versuche ich, die Tageszeitung zu überfliegen. Ich kann mich jedoch nicht konzentrieren. Ständig denke ich an diesen Traum, außerdem muss ich dauernd auf meine Armbanduhr blicken, da ich mein Zeitgefühl verloren habe. Beim Genuss der zweiten Scheibe Toast, der mit Konfitüre, passiert es dann: Auf mir unerklärliche Weise entgleitet das Brot meiner Hand und purzelt, von den magischen Kräften der Schwerkraft gnadenlos angezogen, in Richtung Boden. Natürlich erreicht es diesen nicht, ohne vorher mein Hemd und den Schritt meiner Hose mit Konfitüre zu bedecken. Mist, Mist, Mist. Und ich habe keine Zeit mehr. Zu Spät zur Arbeit zu kommen ist völlig undenkbar. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Also greife ich nochmals in den Schrank, knülle eine wilde Auswahl von Ersatzkleidung in meinen Aktenkoffer und verlasse ziemlich überstürzt meine Wohnung. Ohne das Geschirr abzuwaschen. Und ohne mir Gedanken darüber zu machen, wann ich die Ersatzkleidung eigentlich anziehen könnte.

8:00 Uhr. Ich erreiche pünktlich die Firma. Zum Glück. Bereits im Aufzug merke ich, wie mich die erstaunten Blicke der Kollegen streifen und kurz darauf ein Tuscheln hinter meinem Rücken einsetzt. Das Blut schießt mir in den Kopf, und ich merke, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bilden. Ich beschließe, eine weitere Ausnahme in der täglichen Routine zu machen. Statt aus dem Aufzug unmittelbar ins Büro zu gehen, stürme ich als erstes auf die Toilette. Umziehen. Eingesperrt im Separet, öffne ich meinen Aktenkoffer und erblicke ... Eine Jeans! Washed out, used Look. Herzflattern setzt ein. Heute geht aber auch alles schief. In der Hoffnung, dass Chef heute keinen seiner berüchtigten Rundgänge macht, ziehe ich die mit Konfitüre besudelten Klamotten aus und die Jeans und das Ersatzhemd an. Wird schon schiefgehen. Nachdem ich einen günstigen Moment abgepasst habe, schleiche ich aus der Toilette in mein Büro und setze mich an meinen Schreibtisch, unter dem ich ganz hervorragend die Jeans verstecken kann.

12:00 Uhr. Die Tür fliegt auf, Carsten betritt das Büro. »Mittagessen?«. Mittagessen! Oh. Ah. Als leitender Angestellter mit der Jeans in die Kantine? No Way! »Du, äh, also heute ist es nicht so wirklich, äh, günstig ... «. Carstens Lächeln verschwindet und macht Enttäuschung Platz. Ich fühle mich wie ein Arsch. »Viel zu tun«. »Schon klar ...«. Carsten versteht und zieht gesenkten Hauptes von dannen. Ich ignoriere das Knurren meines Magens und lenke meinen Blick auf den Bildschirm, auf dem mich eine formschöne Exceltabelle erwartet.

14:00 Uhr. Mein Bauch hört sich an wie ein Hirsch zur Brunftzeit. Ich kontrolliere gerade einen Stapel Unterlagen auf Fehler, als die Bürotür ein weiteres Mal auffliegt und mein Chef den Raum betritt, einen Kunden in Schlepptau. Jetzt habe ich verloren. Wie kommt es, dass ich von diesem Kundentermin nichts weiß? Oder habe ich ihn schlicht vergessen? Tausend Gedanken schießen mir auf einmal durch den Kopf, ich weiß nicht, wie lange mir der Kunde schon seine Hand zum Gruß entgegenstreckt, als ich sie schließlich ergreife und schüttel. »Nice to meet you«, »Yes yes, the same to you«. Ein kurzer Blick richtung Chef macht mir klar: Irgendwas stimmt nicht. Richtig, ich habe vergessen, aufzustehen. Schockiert und erschrocken über meinen Lapsus springe ich auf, dabei stoße ich den Stuhl so heftig zurück, dass er scheppernd umfällt. Ich bemühe mich, die Fassung zu wahren, sehe jedoch aus meinen Augenwinkeln, wie Chef mich von oben bis unten mustert, wobei sein Unterkiefer herunterklappt. Die Jeans, die Jeans ... Die unangenehme Situation dauert nichtmal zwei Minuten − mir kommt es vor wie eine halbe Ewigkeit. Als Chef mit dem Kunden mein Büro verlässt, bemerke ich die pulsierenden Adern an seiner Schläfe.

16:00 Uhr. Ein zwischenzeitlich durchgeführter Blick in meinen Terminkalender hat das Unfassbare offenbahrt: Der Termin mit dem Kunden war eingetragen, und ich habe es verpennt. Als ich deprimiert aus dem Fenster blicke, sehe ich, wie unser Besuch in seinen fetten Leihwagen-BMW steigt. Sponsored by unserer Firma. Er hat kaum den Hof verlassen, da klingelt schon mein Telefon und ich werde in das Büro meines Chefs zitiert.

16:30 Uhr. Um zwei Kopf kleiner verlasse ich das Büro meines Chefs. Es ist mir schon egal, ob die Kollegen fassungslos auf meine Washed-Out Grunge-Jeans starren. In Gedanken verloren schlurfe ich in mein Büro. Er hat mich gar nicht erst zu Wort kommen lassen. So erniedrigt habe ich mich noch nie Gefühlt. So wurde ich noch nie erniedrigt. Wegen einer Jeans! Und eines Traums, der mir rückblickend immer verlockender scheint. Eigentlich kann ich die eng sitzenden Hemden nicht ausstehen. Die Krawatten schnüren mir die Luft zum Atmen ab. Anzug bei 35° C? Aber selbstverständlich! Alles für die Etikette. Excel am morgen, Word am Abend, Telefonieren, Videoconferencing und Mittagspausing dazwischen. Alles für die Firma. Und wo bleibe ich?

17:30 Uhr. Zeit, diesen Albtraum zu beenden. Da sowiso schon jeder Bescheid weiß, gehe ich zusammen mit meiner Jeans und den anderen Kollegen in Richtung Ausgang. Carsten läuft mir über den Weg, meint, ich solle mich wieder einfangen und verabschiedet sich mit einem »Bis Morgen!«. Wie jeden Abend. In dieser Sekunde beschließe ich, dass dies das letzte »Bis Morgen!« sein soll, dass ich von Carsten oder irgendeinem anderen Kollegen zu hören bekomme. Ab heute wird alles anders. Das verspreche ich mir.

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