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Wir sind Balken, verdammt nochmal!

Welch wundervoller Tag! Sonnenschein, Vogelgezwitscher, Eiscreme, Tralala. Achselschweiß. Und auch ein wenig Angstschweiß. Es ist ein besonderer Tag, denn just heute morgen erreichte mich das Angebot, ein Interview mit dem frisch ernannten Pressesprecher der schwarzen Balken zu führen. Um exakt 7 Uhr und dreißig Minuten betrete ich einen Raum, in dem es nach frisch aufgebrühtem Kaffee riecht. Auf einem Tischchen steht ein Gedeck, dazu Croissants, Butter und Konfitüre. Auf einem Stuhl sitzt bereits mein Interviewpartner, der erfreut aufspringt, als ich den Raum betrete.

Schön, dass sie kommen konnten ...
ACH WAS, ICH DANKE IHNEN, DASS SIE SICH DIE ZEIT NEHMEN!

Nehmen Sie doch Platz. Kaffee?
JA, SCHWARZ BITTE ...


Was ist nur mit mir los? Sonst trinke ich meinen Kaffee mit Milch und Zucker ... Überhaupt scheint mir die Rollenverteilung merkwürdig verdreht. Sollte ich nicht derjenige sein, der hier Kaffee ausschenkt?


ÄHM ...
Ja?

ES IST MIR EIN WENIG PEINLICH, ABER ICH HABE ERST SPÄT GESTERN ABEND ERFAHREN, DASS ICH SIE INTERVIEWEN DARF. ICH HABE KEINE FRAGEN VORBEREITEN KÖNNEN.
Hm. Das macht nichts. Vielleicht ist es sogar ganz gut so. Das nimmt dem Gespräch die Befangenheit. Eventuell.

OKAY. SAGEN SIE, WIE LANGE GIBT ES EUCH SCHON?
Länger als Sie vielleicht meinen. Wir haben unsere Tätigkeit vor über hundert Jahren, 1836 um ganz präzise zu sein, aufgenommen. Damals noch in Köln, weil uns diese Stadt als Ausgangspunkt für unser Schaffen ideal schien − vor allem, weil sie uns von allen deutschen Städten am nötigsten hatte.

WIE KOMMT ES DENN, DAS MAN BISLANG NOCH GAR NICHTS VON EUCH GEHÖRT HAT?
(räuspert und druckst) Nunja, das ist eine lange Geschichte ...

... MOMENT MAL. KÖLN ... GIBT ES DA NICHT DIESES GEDICHT ...
... von den fleißigen Heinzelmännchen? Jaja. Das ist für uns eigentlich ein eher unangenehmes Thema. Aber gut: Wir waren damals in Zugzwang. Keiner hat sich wirklich für unsere Dienste interessiert, also mussten wir etwas unternehmen. Deswegen sind wir mit einem damals ungeheuer populären Autor in Kontakt getreten, August Kopisch. Er war allerdings der Meinung, dass sich schwarze Balken schlecht verkaufen ließen, zu gruselig, zu unheimlich, zu schwarz.

UND SO KAM ES ZUR ERSCHAFFUNG DER LEGENDÄREN HEINZELMÄNNCHEN?
Ja. Dabei war es uns total peinlich, als Gnom verkleidet durch die Straßen zu ziehen. Also haben wir unser Konzept modifiziert: Der neue Verkaufsslogan lautete: Sie schlafen, wir malochen. Ab sofort waren wir nur noch nachts aktiv. Das hatte − abgesehen davon, dass man nicht gesehen wurde − noch andere Vorteile: Keiner hat uns bei der Arbeit gestört.

ABER WIE SIND DANN DIE LETZTEN BEIDEN STROPHEN DES GEDICHTS ZU ERKLÄREN?
Die sind eigentlich nicht von Kopisch. Kopisch hat das Gedicht gegen Bezahlung für uns geschrieben. Die Originalfassung bestand aus sieben Strophen. Die achte und die neunte Strophe sind später hinzugekommen.

WARUM?
Fakt ist: Wir sind nie verschwunden. Wir haben auch nie damit aufgehört, unser Werk zu verrichten. Tatsächlich waren wir so beschäftigt, das wir gar nicht bemerkt hatten, wie wir so langsam aus der Wahrnehmung der Menschen verschwunden sind. Wir wurden bald zum Mythos.

ABER, WENN SIE SO VIEL ARBEITEN, KANN DAS DOCH NICHT UNBEMERKT BLEIBEN ...
Sie glauben gar nicht, wie schnell sich die Leute an das Leben mit uns gewöhnt haben. Bald war es so normal, dass es als selbstverständlich wahrgenommen wurde. Ich möchte gar nicht wissen, wie es ohne uns in den Städten zugehen würde. Vermutlich würde alles zusammenbrechen ...

SIND SIE IMMER NOCH NUR IN KÖLN AKTIV?
Nein, wir haben unsere Aktivitäten bald auch auf andere Städte ausgedehnt. Tatsächlich haben wir unseren Hauptsitz bald aus Köln nach Dortmund verlagern müssen. 1899 hat man ins in Köln ein Denkmal erreichtet, das war uns so unangenehm, dass wir es nicht mehr ertragen konnten, in dieser Stadt unseren Hauptsitz zu haben.

WIE DAS? EIN DENKMAL IST DOCH EINE EHRE!
Die Kölner haben ein sehr − ähm − einnehmendes Wesen. Bald betrachteten sie uns als ihre Heinzelmännchen... Damit hätten wir ja noch leben können, was uns jedoch gewaltig stinkt, ist das man uns als Heinzelmännchen geehrt hat! Nicht als Balken. Wir sind keine knuffigen Gnome. Wir sind Balken, verdammt noch mal! B-A-L-K-E-N!!

UND TROTZDEM HABEN SIE IHRE WAHRE IDENTITÄT NICHT AUFGEDECKT ...
Naja, wir waren halt zu beschäftigt, als das wir uns lange darüber hätten aufregen können. Aber jede Nacht auf dem Weg zur Arbeit sich selbst in alberner Kostümierung in Stein gemeißelt zu sehen, ging einfach nicht.

WIE KOMMT ES NUN ZU DEM PLÖTZLICHEN SINNESWANDEL?
Es ist einfach zu viel geworden! Das Leben als Heinzelmännchen stinkt uns. Wir wollen endlich als das wahrgenommen werden, was wir wirklich sind: Die schwarzen Balken.
Deswegen denken wir, es ist Zeit für eine neue Kampagne − die zweite, seit unserer Gründung 1836 und dem verflixten Kopisch-Gedicht.

WOBEI SIE HEUTE ALLERDINGS ANDERES KOMMUNIZIEREN ALS DAMALS ...
Natürlich, damals ging es uns darum, uns als Dienstleister bekannt zu machen. Heute brauchen wir das nicht mehr. Wir sind die unbestrittene Nummer eins. Wir wollen aber weg vom Knutzibutzi-Koboldimage. Es kotzt uns an, das beim Thema Fleiss jeder sofort an Heinzelmännchen denkt. Schon allein der klang dieses Wortes macht mich ganz steif (er schüttelt sich). Heinzelmännchen − widerlich. Und das Schlimmste ist: Dieses Negativimage färbt auf den Fleiß ab. Indem wir unser Image aufpolieren, heben wir das ansehen von Fleiß und fleißigen Menschen − die soll es ja auch geben. Es geht uns darum, den Fleiß als Tugend wieder populär zu machen.

ICH DANKE IHNEN FÜR DAS INTERVIEW.
Es war mir ein Vergnügen.

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